Dioning ist nicht allein

Unser Rundgang geht weiter, wir kommen zum noch immer genutzten Wasserbrunnen, das erste gemeinsame Projekt mit Tinagong Paraiso und Aktion Wasserbüffel im Jahr 1998. Er hat leider schon lange keine Trinkwasserqualität mehr, reicht aber als Brauchwasser.  Das Trinkwasserproblem ist nach wie vor hochaktuell.  Eine weitere mitgeförderte Tiefenbohrung mit Bau eines Sammeltanks hat kurzfristig eine gute Qualität gehabt, ist dann aber zunehmend durch Seewasser auch in der Tiefe durchmischt worden, so dass die Haushalte einen Mix aus städtisch zugeleitetem Wasser und aus dem Brunnen geschöpftem Wasser als Brauchwasser nutzen, das Trinkwasser wird wie in Batang Pinangga zugekauft. Bei einem durchschnittlichen Einkommen von 3 Euro am Tag wird die Gesundheit häufig gegen Trinkwasser eingetauscht. Das Wasser, dass man uns in Flaschen reicht, ist der Goldbarren für die Menschen, die keinen Zugang zu sauberem Wasser erhalten.

Da beste Wasserversorgungssystem nützt leider gar nichts, wenn das Wasser nicht genießbar ist. Bei unserer späteren Besprechung wird dieses auch als dringendes Problem benannt. Dioning und seine Community wünschen sich dringend einen Experten, der ihnen zu den vorhandenen Ressourcen eine mögliche Lösung der Wasserreinigung aufzeigen könnte. 

Die nach der Führung erfolgende Besprechung ist dann auch im wesentlichen von diesem Problem dominiert. Auch für die Erweiterung des Community gardens ist eine Expertise dringend erwünscht. Wie in Batang Pinagga kämpfen sie mit Schädligsbefall und häufig minderwertigem Saatgut. Die heranwachsenden Gurken sind in Säckchen eingebunden, um saugende Insekten abzuwehren. 

Die Leuchtturmfunktion dieses Communiy Projektes zeigt sich schon in der unmittelbaren Nachbarschaft, einzelne Familien beginnen Freiflächen auf ihren Grundstücken, sowie Hausnischen oder Fensterfluchten und Dachflächen als Anbaufläche zu nutzen. 

Zwei junge Frauen, Cathlea und Aira  Vorsitzende der Jugendgruppe der Kirche der Parish, bitten mich um ein Gespräch. Sie hatten mit ihrer Jugendgruppe am Vortag die Vorführung einstudiert. Sie möchten mir ihre Arbeit vorstellen. Beide sind seit ihrem vierzehnten Lebensjahr dort Mitglied.  Sie leiten nicht nur die Sonntagsschule, sondern sehen es als ihre Aufgabe, besonders die Kinder von klein auf in die Arbeit mit und für die Gemeinde einzubinden. Während der Pandemie haben sie mit ihrer Gruppe sich vor allem um die älteren und ärmeren Bewohner gekümmert. Mit Unterstützung der Kirche konnten sie Lebensmittel verteilen, den Kontakt zu den Kindern aufrecht erhalten und versucht zu unterstützen, wie es die Umstände zuließen.

Ich sitze mit zwei beeindruckenden jungen Persönlichkeiten auf der Bank, ihre Augen leuchten, der Kampfgeist für das Voranbringen der guten Sache ist greifbar. Aira studiert Soziale Arbeit, ich kann mir kaum eine geeignetere Person dafür vorstellen.

Nach drei Stunden ununterbrochenen Redens und einer gemeinsamen Mahlzeit, gehen wir mit Dioning zu dem Fischerdorf, deren Boote  während des Taifuns zerstört worden waren. Unser Weg geht durch einen anderen Teil des Armenviertels, kein Vergleich zu Tinagong Paraiso, das Gebiet besteht aus einem Gewirr von engen Gängen, Abwasser steht darin, Hunde,  Katzen und Hühner schieben sich mit uns zusammen dort hindurch. Der Gestank nach Fäkalien, Waschpulver und Verwesung ist bei den dort herrschenden Temperaturen um die 35 Grad, selbst mit Maske nicht auszuhalten. Unsere Körpergröße zwingt uns, geduckt dort hindurchzulaufen. Als wir das Meer erreichen, wird es nicht besser. Die Pfahlbauten der Fischer stehen auf Bergen von angeschwemmten und auch selbst hingeworfenen Müll. Der Geruch ist auch hier unerträglich, kleine Kinder laufen barfuß über diese Unmengen Unrat, hier findet sich die gesamte Schande der sorglosen Wegwerfgesellschaft. 

Unter den Pfahlbauten sitzen Frauen, die Muscheln auspulen und in Flaschen füllen, die sie dann verkaufen. Die Boote sind wieder in Stand gesetzt, die Fischer können ihre Familien wieder ernähren, aber die Umstände sind nicht in Worte zu fassen. Dieses Problem muss von ALLEN gelöst werden. Ich bin froh, dass wir hier nicht unbegleitet sind, hier den Weg wieder herauszufinden ist unmöglich, fast wie die Situation für die Menschen hier.

Der Abschied von der Gemeinde Tinagong Paraiso ist wie der Empfang, es wird gedrückt, gelacht und die Kraft der Gemeinschaft überträgt sich auch auf uns. Ida sagt später, dass sie sich selten so wohl in einer völlig fremden Gruppe gefühlt hat wir hier. Zuvor hatte sie wieder mit den Kindern Volleyball gespielt, plötzlich gab es einen markerschütternden Schrei, alle haben sich erschrocken, ein Schwein war unter roher Gewalt in ein Transportgefährt geladen worden. Ida fing fürchterlich an zu weinen, dreißig wildfremde Kinder und Mütter trösteten sie genauso wie ihre eigenen Kinder. Dieses Gefühl der echten Anteilnahme, ohne auch nur ein einziges Wort zu verstehen, war für sie eine ganz besondere Erfahrung. 

Der Tag geht zu Ende, wir sind völlig fertig für heute, so richtig. In. Den Schlaf finden wir dennoch nicht.

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Nach wie vor ist Hilfe zur Selbsthilfe für die Mehrzahl der Einwohner der Philippinen unerläßlich. Zwar liest man gelegentlich in der Presse über die rasante wirtschaftliche Entwicklung der Länder in Südostasien und darunter auch der Philippinen im Zuge der Globalisierung, diese kommt aber offensichtlich nur einer kleinen Schicht zugute. Im Gegenteil, die Mehrzahl der Armen, vor allem in ländlichen Bereichen, wird durch Industrialisierungsprojekte und eine enorme Verteuerung ihrer Lebenshaltungskosten betroffen.

Darunter leiden vor allem die Kinder als schwächste und wehrloseste Mitglieder der Gesellschaft. Es ist kaum damit zu rechnen, daß die Versprechungen der philippinischen Regierung signifikante Veränderungen schaffen werden.